Marc Ribeli
1. März 2025
«Moderne Techniken in den Dienst des Menschen zu stellen, entspricht dem Wesen der Eisenbahn». Nach diesem Motto beschloss die SBB Anfang der 1970er Jahre, ihr Ausbildungswesen zu modernisieren und an die Bedürfnisse der Zukunft anzupassen. Ein eigenes Ausbildungszentrum sollte dem Personal ein Lernzentrum auf dem neuesten Stand der Technik zur Verfügung stellen. 1973 erwarben die Bundesbahnen das Gut Löwenberg bei Murten, um für die landesweite Ausbildung eine moderne Anlage an einem zentralen Ort zu realisieren. Am 1. Oktober 1980 begannen mit dem ersten Spatenstich die Bauarbeiten. Nach gut zweieinhalbjähriger Bauzeit wurde die erste Eisenbahnfachschule der Schweiz ihrer Bestimmung übergeben.
Da der überwiegende Teil der Mitarbeitenden in sogenannten Monopolberufen tätig war, die einiges Spezialwissen voraussetzten, galt eine ständige innerbetriebliche Aus- und Weiterbildung bei der SBB als notwendig. Eisenbahnspezifischen Ausbildungen waren auf spezielle Lern- und Übungsanlagen angewiesen. Diese Herausforderung wurde unterschiedlich gelöst: Stationslehrlinge erhielten ihre fahrdienstliche Grundausbildung beispielsweise an einer neu konzipierten Modellanlage, wo sie mit allen vorkommenden Stellwerktypen arbeiten konnten. Dabei konnte nicht nur der Normalfall, sondern auch kritische Ausnahmesituationen und Störungen geübt werden. Eine eher klassische Unterrichtsform wurde bei der Verkaufsschulung für Schalterangestellte gewählt. Die als Rollenspiele konzipierten Übungen wurden durch den Einsatz des (damals jungen) Mediums Video optimiert:
Aufgezeichnete Szenen konnten im Replay in der Klasse analysiert werden, um gute und weniger gute Herangehensweisen im Kundenkontakt aufzudecken. Zudem standen die Lernvideos nach deren Erstellung auch ausserhalb der Unterrichtszeiten zur Verfügung und konnten zum Lernen genutzt werden.
Ideale Ausbildungsbedingungen bedingten durchdachte Raumkonzepte. Das eigentliche Schulgebäude offerierte die ideale Infrastruktur für die verschiedensten Unterrichtsformen. Etwas abseits der übrigen Anlagen befanden sich die Lehrwerkstätten sowie die Energiezentrale und die Aussenanlagen. In zwei zylinderförmigen Wohnpavillons standen rund 200 Einzelzimmer sowie Gemeinschaftsräume zur Verfügung.
Architektonische Akzente unterstützten das Gesamtkonzept durch Klarheit und Einfachheit. Die leichte Bauweise und die schön in die Landschaft eingepassten Gebäude akzentuierten das Vorhaben der Bundesbahn, sich als moderne und zukunftsgerichtet Unternehmung zu präsentieren. Ganz nach dem Motto: «Geschaffen für die Zukunft der Eisenbahn».
Bau und Gerüstabbau des Schulgebäudes 1980–1982 im Zeitraffer (Abb. 8–15)
Zeittafel
1971 Beginn der Planung eines SBB-eigenen Ausbildungszentrums
1972 SBB-Verwaltungsrat stimmt Grundkonzept zu
1973 Erwerb des Guts Löwenberg bei Murten
1974 Die SBB-Generaldirektion lanciert Architektur-Wettbewerb
1976 Beurteilung, Prämierung, Überarbeitung und endgültige Auswahl
1977 Reduktion des Raumprogramms, Weiterentwicklung des Projektes
1978 Vorlage geht an den SBB-Verwaltungsrat
1980 Baubeginn
1982 Bezug des Ausbildungszentrums
1983 Das Ausbildungszentrum Löwenberg ist eröffnet!
Quellen
- “Die SBB planen ein Ausbildungszentrum”, in: SBB Nachrichtenblatt 5/1973, S. 86-87.
- “Unser Ausbildungszentrum”, in: SBB Nachrichtenblatt 6/1983, S. 86-88.
- “Löwenberg: das Ausbildungszentrum der SBB / Löwenberg: le centre de formation des CFF”, 1984, Mac W. Schneider, 16mm-Farbfilm, SBB Historic AV_FP_0272.01_16mm_D
- “Die Bahn macht Schule”, Blogbeitrag auf Memobase Die Bahn macht Schule | MEMOBASE von Memoriav
- Bildbestand Ausbildungszentrum Löwenberg: F_199 Ausbildungszentrum Löwenberg (AZL), 1970 (ca.)-2001 (ca.) (Teilbestand)
Abbildungsverzeichnis
Titelbild: Lehrstellwerkanlage, Bahnhof Altkirch, Schüler mit Spurplanstellwerk Domino 67, Diapositiv auf Film, 1990, Fotograf:in unbekannt, SBB Historic F_199_00034_006.
Abb. 1: Ausbildungsanlage der Verkehrsschule St. Gallen, Lehrlinge an der Anlage und am Stellwerk, 1960, SBB-Fotodienst, Diapositiv auf Glas, SBB Historic C_0012_0020.
Abb. 2: Lehrstellwerkanlage Löwenberg, Bahnhof Dachsburg, Schüler am Drucktastenstellwerk Domino 55, Diapositiv auf Film, ca. 1990, Fotograf:in unbekannt, SBB Historic F_199_00034_015.
Abb. 3: Verkaufsunterricht im Ausbildungszentrum Löwenberg, Diapositiv auf Film, Februar 1990, Fotograf:in unbekannt, SBB Historic F_199_00038_005.
Abb. 4: Ausbildung zu Kraftwerk und Energieversorgung, Diapositiv auf Film, Januar 1990, Fotograf:in unbekannt, SBB Historic F_199_00036_017.
Abb. 5: Unterricht im Ausbildungszentrum Löwenberg, Diapositiv auf Film, Januar 2001, Fotograf:in unbekannt, SBB Historic F_199_00039_013.
Abb. 6: Neue elektronische Schaltergeräte (ESG), in: SBB Nachrichtenblatt 11/1983, S. 152.
Abb. 7: Innenansichten Schulgebäude, Kernzone mit Mediothek, Zeitschriftenlektüre, Diapositiv auf Film, ca. 1985, Fotograf:in unbekannt, SBB Historic F_199_00029_009.
Abb. 8-15: Bau des Schulgebäudes und Entfernung der Baugerüstabdeckung, Diapositiv auf Film, ca. 1980-1982, Fotograf:in unbekannt, SBB Historic F_199_00008_105 – F_199_00010_018.
Abb. 16: Grafik Ausbildungs- und Übungsanlagen Löwenberg, Diapositiv auf Film, 1983, Fotograf:in unbekannt, SBB Historic F_199_00040_05_004.
Abb. 17: Schulgebäude Löwenberg, Spiegelungen an der Glasfassade, Diapositiv auf Film, April 1984, Fotograf:in unbekannt, F_199_00024_025.